„Die Sehnsucht nach Heimat ist eine Antwort auf Krisen“

Sozial aufgeladen, populistisch missbraucht: Hermann Bausinger verdeutlicht, dass Heimat mehr ist als biedere Brauchtumskunde. Von Nadine Vogt

Jahrzehntelang hat Hermann Bausinger als Professor an der Universität in Tübingen Heimatforschung betrieben. Als er die Anfrage zum Interview erhält, antwortet er: „Zur Abwechslung mal.“ Es soll ums Thema Heimat gehen. Und mit diesem ist der 91-Jährige so vertraut, wie nur wenige andere seiner Zunft. Seit 26 Jahren ist der Grandseigneur der erneuerten Volkskunde emeritiert. Los lassen ihn die Heimatfragen aber nicht.

Herr Bausinger, Heimat –  braucht man das, oder kann das weg?

Hermann Bausinger: Heimat als Leben unter humanen Bedingungen – das braucht man. Wenn man dabei aber nur ans Dirndl fürs Volksfest denkt, braucht man‘s nicht unbedingt.

Täuscht es, oder hat der Begriff gerade Konjunktur?

Heimat wird immer wieder neu entdeckt, und so entstehen auch immer wieder Konjunkturen. Man kann die Gestaltung von Heimat und die Sehnsucht danach als Antwort auf Krisen verstehen. Und die wachsende Komplexität unserer Welt wird als Krise wahrgenommen.

Ist es dann ein existenzieller Wert, eine Heimat zu haben oder eher ein Sehnsuchtsbegriff, an dem sich Menschen aus Unsicherheit klammern?

Beides. Weil Heimat mit dem Gefühl eines gelungenen Daseins verbunden ist, gibt es auch die Sehnsucht danach.

Inwiefern spielt das digitale Zeitalter dabei eine Rolle?

Die Erweiterung des Horizonts fordert auch dann, wenn sie positiv empfunden wird, einen festen Standort und Überschaubarkeit.

Von Heimatforscher zu Laie: Wie kann „Heimat“ gefasst werden?

Man kann Heimat zwar definieren, aber da ist sehr viel vom subjektiven Gefühl und Wissen abhängig.

„Heimat als Leben unter humanen Bedingungen, das braucht man“

Und wenn ich Sie doch bitten würde, Faktoren zu nennen?

Gewohnheiten spielen eine Rolle. Auch die Dauer oder die Intensität der Beziehung zu einem bestimmten Ort oder einer Region. Und es ist auch wichtig, ob Erfahrungen, die in diesen Zusammenhängen gemacht wurden, positiv oder negativ waren.

Haben Sie „Heimweh“, wenn Sie daran denken, wie einfach populistische und rechte Strömungen den Begriff interpretieren?

Heimweh würde ich das nicht nennen. Aber es braucht Bemühungen, einen richtigen Begriff von Heimat durchzusetzen. Das sollte nichts Absolutes sein, aber positiv geladen.

Kürzlich sind Sie bei einer Podiumsdiskussion nach dem Heimatministerium gefragt worden. Sie antworteten, dass Sie dieses für so sinnvoll halten wie ein Ministerium für Liebe. Helfen Sie uns, warum?

Die Parallele zur Liebe ist, dass es ganz verschiedenartige Bestimmungen und große Unterschiede gibt. Allein schon zwischen der erotischen und der karitativen Seite. Heimat betrifft die ganz persönliche Sphäre, und die Vorstellungen davon sind verschieden. Ich sehe keine Notwendigkeit, dass von amtlicher Seite Vorgaben gemacht oder Weisungen erteilt werden. Die Gefahr ist groß, dass Heimat so popularisierend auf das Gleis biederen Brauchtums gebracht wird.

Wie können wir die Heimat vor dieser Tümelei in unserer offenen Gesellschaft retten?

Indem wir sie ernst nehmen und mit den Lebensverhältnissen aller Menschen im Land in Beziehung bringen.

Hat sie also auch eine soziale Seite?

Ja. Denn eine große Bedeutung hat auch die jeweilige Wohnsituation. Wenn Menschen keinen anständigen und bezahlbaren Wohnraum haben, ist es sehr viel schwieriger, auch ein Heimatbewusstsein zu entwickeln. Denn dort wo ich mich zuhause fühle, ist auch ein Stück Heimat.

„Eine große Bedeutung hat auch die jeweilige Wohnsituation.“

Und was ist Ihre Heimat?

Das lässt sich nicht mit einem Wort sagen. Heimat ist vertrautes Gelände, dort, wo ich mich wohl fühle und mich mit den Menschen in meiner Umgebung verstehe.

Sie sind in Aalen aufgewachsen, leben seit Jahrzehnten in Tübingen und Reutlingen.

Ich fühle mich nach der langen Zeit in Reutlingen und Tübingen zuhause. Aber natürlich habe ich zum Ort meiner Kindheit und Jugend nach wie vor eine besondere Beziehung. Ich freue mich zum Beispiel, dass der VfR Aalen in der dritten Fußball-Liga gut dasteht, und ich verfolge die kulturellen Aktivitäten – wie die neuen Bemühungen um den Aalener Christian Friedrich Daniel Schubart – mit Interesse und Sympathie.

Welche Frage können Sie  als Heimatforscher nicht mehr hören?

,Was ist Heimat?‘ Im Ernst: Man sollte nicht zu viel über Heimat diskutieren, denn der wesentliche Gehalt hat viel mit Selbstverständlichkeiten zu tun. Wo soziale Brüche und kulturelle Mängel geheilt werden, handelt es sich um Arbeit für die Heimat, auch wenn dieses Wort nicht fällt.

 

 

 

Zur Person:

Hermann Bausinger ist 1926 in Aalen geboren. Er studierte an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen Germanistik, Anglistik, Geschichte und Volkskunde. Nach seiner Habilitation baute er den Lehrstuhl der Volkskunde zum Institut für Empirische Kulturwissenschaft aus und reformierte, als einer der führenden Wissenschaftler, so die Volkskunde im Nachkriegsdeutschland. Das Ludwig-Uhland-Institut leitete er von 1960 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1992.