Mit Druck zur Heimat

Studenten der Haller Kunstakademie hauchen ausrangierten Holztischplatten Leben ein. Die Objekte werden in einem Ulmer Café ausgestellt.

Von Verena Köger

Was bedeutet Heimat? Diese Frage haben sich einige Studenten der Schwäbisch Haller Akademie der Künste vor einigen Monaten gestellt. In dem Plastizierkurs von Stefan Vollrath haben sie sich dem Heimatbegriff auf verschiedene Weise angenähert.  Einen gemeinsamen Ausgangspunkt gab es: Die Studenten haben ihre Interpretation auf Holzplatten von ausrangierten Bistrotischen zum Ausdruck gebracht. Die Tische stammen aus dem Haller Eiscafé Venezia in der Blockgasse. „Wir haben die Eisdiele Anfang des Jahres umgebaut und die Tische aussortiert, so Giacomo Dona. Der Betreiber hat diese der Kunstakademie kostenlos zur Verfügung gestellt.

Vollrath hatte gleich eine Idee dazu im Kopf. „Heimat ist all das, was man dort vorfindet“, so der Bildhauer. Die Eisdiele besteht schon seit rund 30 Jahren in Schwäbisch Hall. Menschen mit Geschichten gehen dort ein und aus. „Die Tischplatten sind Heimatträger“, so Vollrath. Seine Studenten haben diesen in den vergangenen Wochen eine neue Funktion verliehen.

Heimat ist Leben

Einer der Studenten ist Robert Wenzel. Der 22-Jährige besucht seit September die Akademie. Er kommt aus dem Landkreis Roth bei Nürnberg und hat in Hall Arbeiten für seine Kunstmappe erstellt, mit der er sich an Hochschulen beworben hat.

Wenzel verbindet Heimat mit Leben. Das Ausrangieren der Tische hat er sinnbildlich mit dem Tod gleichgesetzt. Der Akademiestudent hat sich die Frage gestellt, wie er diesen wieder Leben einhauchen kann. Er entschied sich für drei Symbole: Herz, Lunge und Gehirn. Mit einem Stechbeitel und einem Hammer hat er die Konturen der drei Organe auf jeweils einer Platte eingeprägt. Zusätzlich hat er Schriftzüge wie „Apoplexie“, der medizinische Begriff für Schlaganfall, gestaltet, die im Hintergrund zu erkennen sind. Mit Stacheldraht und Stromkabeln hat er außerdem die elektrischen Impulse der Nervenbahnen sowie Beklemmung und Atemnot verdeutlicht.

Für das Bearbeiten einer Platte hat er fast einen Tag gebraucht. „Es war das erste Mal, dass ich handwerklich gearbeitet habe. Das Hämmern hat richtig Spaß gemacht“, so Wenzel. Nachdem er die  Platten seinen Vorstellungen entsprechend bearbeitet hat, ging es an den Druck.

Mit einer Walze hat der Bayer Druckfarbe aufgetragen und anschließend ein großes Blatt darauf gedrückt. So wurden die Umrisse auf der weißen Fläche seitenverkehrt sichtbar.  Nach dem Druck hat er die Oberflächen der Platten noch mit weißer Acrylfarbe bemalt. „Das Holz hat sich mit der Farbe vollgesogen. Durch das Weiß kam die Druckstruktur wieder besser zum Vorschein“, erklärt Robert Wenzel.

Heimat ist Vielseitigkeit

Vollrath war es wichtig, seinen Studenten keine Vorgaben zu machen. Er wollte zeigen, dass Vielfältigkeit ein wichtiger Bestandteil von Heimat ist. Schon der Dialog über die Bilder könne viele Impressionen auslösen.

Neben Wenzel haben noch vier weitere Studenten Holzplatten bearbeitet. Insgesamt sind es acht Objekte, darunter zum Beispiel auch Naturmotive. Diese werden am Samstag, 16. Juni, im Café Jam in Ulm präsentiert. Anlass ist eine Veranstaltung der Volontäre, Auszubildenden und Studenten der Südwest Presse, zu der das Hohenloher und Haller Tagblatt gehören. Die Veranstaltung trägt den Titel „heim|herz. Musik. Poetry. Kunst“. Künstler aus dem süddeutschen Raum tragen vor, wie sie Heimat definieren. Die Arbeiten der Kunstakademie werden in den kommenden Wochen im Café d’ Art, einem Künstlercafé in Ulm ausgestellt. Danach kommen sie zurück nach Schwäbisch Hall.