Nach 900 Jahren wieder zu Hause

Wer an Heimat denkt, hat sofort einen bestimmten Ort vor sich: Einen, an dem man sich wohl und geborgen fühlt und an dem man sich auskennt. Für Bernddieter Schobel bedeutet Heimat in erster Linie Kultur.

Von Luca Schmidt

Heimat ist laut Definition im Duden  der Ort, an dem man aufgewachsen ist oder dem man sich verbunden fühlt. Das mag für die meisten Menschen gelten, nicht allerdings für Bernddieter Schobel aus Crailsheim: Er wurde 1940 in Rumänien geboren und ist Siebenbürger Sachse, 1969 kam er nach Deutschland. Für ihn spiegelt sich der Begriff Heimat am ehesten in der Kultur wieder: In der Sprache und den Traditionen.

Die Siebenbürger sind eine deutschsprachige Minderheit im heutigen Rumänien. Im 12. Jahrhundert gelangten Siedler durch die deutsche Ostsiedlung in die östlichen Randbezirke des Heiligen Römischen Reiches, unter anderem in das Fürstentum Siebenbürgen.

Der Name der Siebenbürger Sachsen hat dabei nichts mit ihrer Herkunft zu tun, erklärt Schobel. „In der ungarischen Staatskanzlei hieß es im 12. und 13. Jahrhundert, dass alle, die von jenseits der Grenze zu Deutschland kamen, „Saxones“ seien.“ Ursprünglich stammen die meisten Siebenbürger Sachsen aber aus dem Mosel- und Rheingebiet. Und das haben sie nicht vergessen. „Wir haben eine andere Einstellung zum „Deutschtum“. Für uns war das immer eine Art Selbsterhaltung, in Abgrenzung zu anderen Ethnien.“

Wegen der Herkunft und der wechselvollen Geschichte der Siebenbürger sei auch die Antwort auf die Frage nach dem Heimatland schwierig: „Ich hatte immer schon ein Mutter- und ein Vaterland – es ist nicht dasselbe. Mein Mutterland war immer Deutschland. Nicht unbedingt politisch, aber es gab schon immer diese Sehnsucht. Es war eher etwas Kulturelles.“ Sein Vaterland hingegen sei Rumänien.

Deshalb lasse sich laut Schobel auch der Begriff der Heimat nicht so einfach definieren. „Für mich ist Heimat in erster Linie die kulturelle Heimat.“ Dazu gehört vor allem die Sprache, also Mundart oder Dialekt. Schobel arbeitet selbst an einer Kolumne für Mundart bei der Siebenbürgischen Zeitung, engagiert sich in der Kreisgruppe und ist dort Gründungsmitglied.

Deutschland war noch nie ein fremdes Land

„Wir sind keine Immigranten im üblichen Sinn“, sagt Schobel. Die Siebenbürger Sachsen verstehen sich auch nicht als Menschen mit Migrationshintergrund. Anderen sei das nur schwer zu vermitteln. „Deutschland war für uns nie ein fremdes Land, es war schon immer unser Mutterland. Wir sind nur nach 900 Jahren wieder heim gekommen.“ Einen Riesenvorteil hätten die Siebenbürger Sachsen gehabt: „Wir haben die Sprache schon gekannt.“

Beim Kronenfest, einer Siebenbürger Tradition, klettert ein Jugendlicher auf einen Baum und hält eine Predigt. Foto: Julia Vogelmann

Auch heute noch halten die Siebenbürger in Deutschland den Kontakt zueinander. 241 Ortschaften habe es einst gegeben. Als die meisten Bewohner in die Bundesrepublik kamen, wurden Kreisgruppen gegründet. Die Crailsheimer Gruppe kennt man beispielsweise vom landwirtschaftlichen Umzug am Crailsheimer Volksfest, an dem sie mit einer Trachtengruppe teilnehmen. „Heimat finde ich in meiner Kultur, die ich hier leben kann und darf“, sagt Schobel. Er fühle sich in Crailsheim nicht nur zuhause, sondern wirklich daheim. „Aber ich habe meine kulturelle Heimat auch immer dabei, fast wie in einem Rucksack.“

Außerdem sei das Christliche stark in der Kultur verankert. Es gab in Siebenbürgen eine Volkskirche, in welcher der Pfarrer qua Amt auch andere wichtige Positionen innehatte, sagt Schobel, der selbst Pfarrer in Siebenbürgen war. „Volkstum und kirchlicher Glaube gehören da zusammen.“

Die Sehnsucht nach Siebenbürgen in Rumänien bleibt aber. „Die Gräber unserer Eltern sind immer noch dort. Deshalb versuchen viele von hier aus, die Friedhöfe zu erhalten und unterstützen jene, die dort geblieben sind.“ Schobel vermisst auch die Orte seiner Kindheit – einen Weg dorthin zurück gibt es aber nicht mehr. „Das, was ich als Heimat meiner Kindheit vermisse, gibt es nicht mehr. Die meisten Menschen dort sind weg.“

Wer verstehen will, warum die meisten Siebenbürger ihr Land verließen, muss in den Geschichtsbüchern blättern. „Wir lebten ab 1944 in einer national-kommunistischen Diktatur, die dem Westen zeigen wollte, wie liberal sie ist.“ Deshalb habe es beispielsweise deutsche Schulen gegeben. Die gibt es heute immer noch, Deutschland ist ein attraktives Land für viele Rumänen. Nur Siebenbürger gibt es kaum mehr in dem osteuropäischen Land.

 

„Heimat finde ich in der Kultur, die man hier leben kann und darf“

Bernddieter Schobel

Das hat auch mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun: Direkt nach dem Krieg wurden die Rumäniendeutschen als „Kollaborateure Hitlers“ kollektiv entrechtet, enteignet und waren der Willkür des Staates ausgesetzt. Zusätzlich gab es Deportationen und Verschleppungen in die Sowjetunion.

Er selbst wollte Rumänien verlassen. „Ich war jung und wollte geistig frei sein.“ In einer „nationalkommunistischen Diktatur“ sei das nicht möglich gewesen. Er stellte einen Antrag, da sein Vater bereits in Deutschland war. „Sie haben nur geantwortet, dass mein Vater zurückkommen solle.“

Als er sich bereits damit abgefunden hatte, in Rumänien bleiben zu müssen, bekamen er, seine Frau, seine Mutter, sein Bruder und sein Stiefvater plötzlich doch die Erlaubnis, ausreisen zu dürfen – rund 15 Jahre nach dem Antrag. „Meine Mutter rief an, dass wir einen Pass bekommen haben.“

Er und sein Stiefvater mussten allerdings sofort abreisen: „Mein Stiefvater hatte Probleme mit der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst. Bei mir wollten sie den Pass einziehen und solange warten, bis das vorläufige Visum abgelaufen ist“, sagt Schobel. An Silvester im Jahr 1969/1970 kam er mit seinem Stiefvater in Nürnberg an. „Daran kann ich mich noch gut erinnern, es war nämlich kein Mensch da.“ Seine Mutter, seine Frau und sein Bruder kamen später nach.

Ob er von der deutschen Regierung „abgekauft“ wurde, weiß Schobel bis heute nicht – er vermutet es aber. Denn zwischen 1967 und 1989 gab es eine Übereinkunft zwischen Rumänien und Westdeutschland, die der deutschen Regierung ermöglichte, Rumäniendeutsche freizukaufen. Hierzu gehörten neben den Siebenbürgern beispielsweise auch die Banater Schwaben. Je nach Qualifikation der Ausreisewilligen floss eine Zahlung zwischen 1800 und 11 000 Mark. 226 654 Menschen konnten so nach Deutschland auswandern. Eine ähnliche Übereinkunft gab es zwischen Israel und Rumäniens Staatsführer Nicolae Ceaușescu bezüglich jüdischer Bevölkerungsteile in Rumänien. „Erdöl, Deutsche und Juden sind Rumäniens lohnendste Exportartikel“, soll er einmal gesagt haben.