Daheim in fremder Haut

Vanessa Engelhardt aus Augsburg betritt mit Cosplay fantastische Welten. Wenn sie eines ihrer vielen Kostüme anzieht, taucht sie in eine andere Welt ab.  Sie sagt: „Cosplay ist für mich eine Art Therapie“.

Von Rebecca Jacob.

Cosplay ist ein Hobby, das viel Platz braucht: In Vanessa Engelhardts Wohnung türmen sich Umzugskartons voller Kostüme, Schachteln mit Stoff und bunte Accessoires. Alles wird dominiert von ihrem wichtigsten Werkzeug: der Nähmaschine. Seit 17 Jahren entwirft, näht, klebt und malt die 38-Jährige aus Augsburg Kostüme, mit denen sie beim Anziehen in eine andere Welt abtaucht. Mit ihren selbst geschneiderten Outfits erweckt sie Figuren aus Filmen, Animes und Computerspielen zum Leben. Je nach verkörperter Figur fühlt sie sich rebellisch, sexy, stark oder magisch. Fürs Foto schlüpft Vanessa in ein giftgrünes Kleid, dekoriert mit Efeuranken, ihren Kopf schmückt eine dunkelrote Perücke:  „Mein Spitzname ist auch Schlingpflanze“, kichert sie.

„Mein erstes Kostüm war teilweise von jemand anderem genäht, zusammen gekauft oder gesammelt, nach dem Motto: ‚Oh, der Bademantel sieht gut aus, nehmen wir den!'“

Als sie über eine Freundin Anfang der 2000er Jahre Geschmack am Verkleiden findet, ist Cosplay der Ausgleich für Vanessas stressigen Beruf als Heilerzieherin. Dann wird es zur Leidenschaft und schließlich, während einer schweren Depression mit Burn-Out, zum Anker: „Für mich ist Cosplay eine Art Therapie.“ Wenn sie sich verkleidet, kann die 38-Jährige alles sein, Kriegerin, Fee oder Königin. Auf ein Genre ist sie dabei nicht festgelegt, sie cosplayt Figuren aus Comics, Filmen, Videospielen oder Animes. Die Mutter einer Freundin habe ihr 2005 den Umgang mit der Nähmaschine beigebracht, davor nähte sie ihre Kostüme noch mit der Hand. „Ich verkaufe meine Kostüme nicht, aber manche habe ich weggeworfen, weil ich gesehen habe, wie grottig ich damals war“, erzählt die Frau mit der sanften Stimme lachend.

Fasziniert von fremden Welten

„Ich wollte als Kind Schauspielerin werden, ich komme aus einer Künstlerfamilie.“ Ihre Mutter habe immer viel genäht und mit den Kindern gebastelt. Auf ihrer ersten Convention, zu der Cosplayer pilgern um sich auszutauschen und ihre Kostüme vorzuführen, verkleidet sich Vanessa als Amiboshi aus dem Anime Fushigi Yuugi. Die Faszination für das mittelalterliche China, in dem die Serie spielt, ist ihr über all die Jahre geblieben: „Wenn ich könnte, würde ich dort leben wollen.“ So aber ist nun das Hobby für sie eine Art zweite Heimat geworden: „Ich kann mich dadurch selbst ausdrücken. Ich will keine langweiligen Sachen machen wie Briefmarken oder Münzen sammeln, angeln oder Schützenverein.“

Neben dem Genuss, kreativ zu arbeiten und anschließend in eine fremde Haut zu schlüpfen, ist für Vanessa vor allem die Gemeinschaft wichtig. Auf Treffen und Conventions lernt sie neue Leute kennen und trifft alte Freunde, auch ihren Partner hat sie über das Cosplay kennengelernt. Es gehe aber auch viel um Selbstdarstellung:

„Kein Cosplayer stellt sich in die Ecke und sagt ‚Fotografiere mich nicht‘.“

Schließlich will man die Stücke auch zeigen, in die man so viel Zeit und Mühe investiert hat.

Da sie nicht viel verdient, hält Vanessa ihre Kostüme möglichst günstig, zwischen 60 und 100 Euro gibt sie für das Material aus, die Arbeitsstunden dürfe man jedoch gar nicht anfangen zu zählen. „Man braucht ja alles, Perücken, Schuhe, Schmuck, Waffen und die eigentliche Kleidung.“ Einmal hat sie für ein Kleid 15 Meter Stoff vernäht.

Die Mischung aus Basteln, Gemeinschaftssinn und Modenschau ist für Vanessa perfekt, sie würde keine der Komponenten missen wollen. Inspirieren lässt sie sich von allem, was ihr an Filmen, Spielen oder Comics unterkommt: „Manchmal gefällt mir der Charakter, manchmal sieht eine Figur einfach schön aus – dann will ich das auch haben.“ So schneidert sie vier bis fünf Kostüme pro Jahr – und die nächste Idee ist immer nur eine Bahn Stoff entfernt.

Fotos: Patrik Schleehuber