Von der Bedeutung, nicht ernst zu sein

Die Ulmer Spitzspatzen erfreuen ihr Publikum mit eingängiger „Ervolksmusik“, nennen sich selbst die Sterne am Ulmer Schlagerhimmel. Sind Cowboyhut, Brusthaardekolleté und Polyesterhemden gelebte Schlagerleidenschaft oder Teil einer raffinierten Inszenierung?

Von Rebecca Jacob und Pia Reiser.

Wenn Christopher Medt-Cuvont und Kim-Malte Hofstädter, bekannt als die Ulmer Spitzspatzen, für ein Foto posieren, in billigen Jacketts, der eine mit weißem Cowboyhut (Medt-Cuvont), der andere mit dicker Silberkette (Hofstädter), kann man sie nicht ganz ernst nehmen. Genauso wenig die herzerweichende Geschichte über ihren Werdegang: Die berühmte Plattenfirma, bei der sie unter Vertrag stehen, geht pleite, die beiden Sterne am Ulmer Schlagerhimmel landen auf der Straße. „Wir dachten, wir hatten keine Zukunft mehr, haben in dieser Zeit aber wieder zu uns gefunden“, erzählt Medt-Cuvont mit ernstem Gesichtsausdruck. Dass die Band nicht dazu gedacht ist, sie ernst zu nehmen, wird spätestens klar, als er mit Pathos in der Stimme hinzufügt:

„Wir hatten nur noch Hoffnung – und haben uns zusammen getan um uns hochzuarbeiten. Bis in die jetzige Situation, in der wir wieder reich, erfolgreich und noch schöner sind als früher.“
Christopher Medt-Cuvont

Mit flotten Schlagermelodien und Texten über das schöne Schwabenland, Blechblasinstrumente auf tropischen Inseln und feuchtfröhliche Abende in Kneipen touren die bärtigen Herren seit mindestens 2012 (genauer werden sie nicht) durch das Ländle. Begleitet werden sie von ihren Akustikgitarren und der „Band“. Die besteht aus einem dunkelhaarigen jungen Mann mit Schnauzer, er trägt bei Konzerten mit Vorliebe karierte Holzfällerhemden, schwere Stiefel, Sonnenbrille und malträtiert mit ausdruckslosem Gesicht ein Drumpad. Wie es dazu kam? „Wir haben uns tatsächlich gedacht, es wäre gut, wenn wir ein bisschen vollere Musik hätten. Und da haben wir unseren best aussehenden und qualifiziertesten Freund gebeten, mega krasses Schlagzeug zu spielen“, erklärt Medt-Cuvont. Er habe sich jedoch nicht davon abhalten lassen, sein eigenes Lied zu schreiben und gelegentlich auch zu singen.

Die beiden Ulmer fallen nie aus der Rolle, außer man bittet sie explizit darum. Denn natürlich haben die beiden normale Namen und normale Jobs – aber darüber reden sie nicht so gerne. Die Idee zum Musik machen kam den beiden, als sie während des Studiums zusammen wohnten und dringend Geld brauchten, erzählt Hofstädter: „Dann waren die einzigen Optionen, was Kriminelles zu machen oder Schlager. Schlager ist zwar auch kriminell…“ Doch schon fällt ihm sein Bandkollege ins Wort: „Nein, wir wollten nichts Kriminelles. Wir haben überlegt, ob wir uns was ausdenken, das uns richtig reich macht, oder ob wir Schlager machen wollen. Das war dann schnell entschieden.“

Aber hat das Ganze einen wie auch immer gearteten ernsthaften Hintergrund? „Wir als echte Personen nehmen das überhaupt nicht ernst. Aber die Rollen nehmen sich extrem ernst“, sagt Hofstädter. Auf der Bühne kaspern die beiden nicht herum, machen keine Witzchen, sondern ziehen ihre Rolle durch. Das Konzept ist ausgefeilt und funktioniert: Beim Ulmer Song Slam Anfang des Jahres feierte das Publikum im Roxy die schrägen Vögel für ihre flotten Schlagermelodien und ihre Überheblichkeit. Dabei ist offenbar nicht allen klar, dass diese „arrogante und krasse Form des Schlagers“ eher als Parodie gedacht ist, sagt Hofstädter: „Manche feiern das halt, weil sie es total lustig finden. Und andere finden es toll, weil sie sagen: ‚Ha, das erinnert mich total an den Philipp Poisel!’“

 

Wenn ihr die Ulmer Spitzspatzen live sehen wollt, kommt zu unserer heimherz-Veranstaltung am 16. Juni! Alle Infos dazu gibt’s hier.

 

Bandfoto: Jens Kramer