„Heimat ist für mich das Gefühl, dazu zu gehören“

Was bringt junge Menschen vom Land dazu, ihrer Heimat treu zu bleiben und nach der Ausbildung zurück in die Provinz zu kommen? Ein Besuch bei der Landjugend Ballendorf auf der Schwäbischen Alb.

Von David Nau.

Auf den ersten Blick sieht alles nach einem normalen Freitagabend aus. In kleinen Grüppchen stehen die etwa 30 Jugendlichen zusammen, manche halten eine Flasche Bier in der Hand, andere trinken lieber Cola. Die Jungs tragen Kapuzenpulli und Sneaker, die Mädchen Jeans und modische Stiefeletten. Ein ganz normaler Freundeskreis an einem ganz normalen Freitagabend, der gemeinsam trinkt, redet und feiert. Bis plötzlich aus einer Ecke des Raumes scheinbar unpassende Geräusche ertönen. Ein Akkordeon beginnt im Drei-Viertel-Takt ein Volkslied zu spielen und plötzlich ist doch alles anders an diesem Abend in Ballendorf, einem kleinen 600-Seelen-Dorf im Alb-Donau-Kreis, etwa 20 Kilometer von Ulm entfernt. Wie nach einem geheimen Code stellen sich die jungen Menschen im Kreis auf. Acht Mädle und acht Kerle, wie sie hier sagen – und los geht es mit dem Volkstanzen.

Alle fassen sich an den Händen und der große Kreis dreht sich zunächst im Uhrzeigersinn, dann wird die Richtung gewechselt und man tanzt rechts herum. Ab dann wird es für Uneingeweihte schon schwierig zu folgen, denn manche Paare bleiben stehen, andere wiegen sich im Walzerschritt über die Tanzfläche im Obergeschoss des Ballendorfer Feuerwehrhauses.

„Viele denken über die Landjugend: Das sind halt die Bauern“
Julia Bäumler, 19 Jahre

Hier trifft sich jeden Freitagabend die Landjugend Ballendorf, eigentlich 1949 durch den Bauernverband als Verein des bäuerlichen Nachwuchses gegründet. Eine, die jeden Freitag dabei ist, ist Lena Henner. Die junge Frau ist Vorsitzende des Ortsvereins, der nach eigenen Angaben mit seinen 200 Mitgliedern einer der größten in ganz Baden-Württemberg ist. Die Landjugend gehört für Lena Henner eigentlich schon immer zum Leben dazu. „Ich bin über meine Eltern reingerutscht und schon etwa seit der vierten Klasse dabei“, sagt sie.

Männer reden über Fußball, Frauen basteln Papierblumen

Inzwischen haben es sich einige Tanzpaare in der Sitzecke gemütlich gemacht, die Herren mit einem Bier, die Damen mit einem Apfelschorle oder einem Radler. Auf der Tanzfläche geht es unterdessen in die nächste Runde, es gilt den nächsten Tanz zu proben. Danach gibt die Trainerin genaue Anweisungen: Ein Paar war etwas zu schnell unterwegs, außerdem ist man sich etwas unsicher, ob der Tanz mit seinen rund vier Minuten nicht doch etwas zu lang ist. Heute Abend müssen auch die letzten Fehler ausgemerzt werden, denn am nächsten Tag findet in der Gemeindehalle des kleinen Örtchens der Dorfabend statt, an dem die Trachtengruppe der Landjugend ihre Tänze aufführen wird.

Nach der Tanzprobe sitzen die Mitglieder in zwei Kreisen verteilt. Im einen die Kerle, im anderen die Mädle. Der Raum hat den Charme eines klassischen Vereinsheims. Die Dachschrägen sind mit hell lasierten Holzplanken verkleidet, die Balken in einem Türkiston angestrichen. Die Wände sind dekoriert mit Gruppenbildern von früheren Veranstaltungen, Hochzeitsankündigungen und Urkunden. An der Eingangstür hängt das Ortsschild der Gemeinde Ballendorf – damit jeder weiß, wo er sich befindet. Während die Männer über Fußball diskutieren, kümmern sich die Frauen um die Dekoration für den Dorfabend. Aus Krepppapier faltet Lena Henner Papierblumen, neben ihr sitzen Simone Huber, Julia Bäumler, Carolin Häge und deren Schwester Kathrin – alle Anfang 20.

Unter der Woche Großstadt, am Wochenende Provinz

Frage in die Runde: Was bringt junge Frauen dazu, sich am Freitagabend zum Volkstanzen und gemeinsamen Papierblumenbasteln zu treffen? „Hier sind alle unsere Freunde. Es ist schön, wenn man sich jedes Wochenende sieht“, meint Carolin. Unter der Woche studiert die 22-Jährige bei München Landwirtschaft, kommt also aus dem kleindörflichen Leben heraus. Ihre Sitznachbarin Julia Bäumler studiert in Kempten Tourismus und lebt dort in einer WG. Was sagen ihre Mitbewohner und Freunde dazu, dass Julia beinahe jedes Wochenende nach Hause zur Landjugend fährt? „Viele wissen gar nicht, was wir hier so machen und denken: ‚Das sind halt die Bauern’“, erzählt die 19-Jährige. Dabei empfindet sie ihre Heimatverbundenheit gar nicht als provinziell oder altmodisch: „Ich finde es total schön, wenn man nach Hause kommen kann.“

„Ich komme am Wochenende gerne nach Hause und freue mich, meine Eltern zu sehen“
Kathrin Häge

Das sieht auch Kathrin Häge so. „Ich komme am Wochenende gerne nach Hause und freue mich, meine Eltern zu sehen“, sagt sie. Unter der Woche studiert sie in Stuttgart-Hohenheim Agrarwissenschaft, am Wochenende fährt sie zurück nach Ballendorf, will nach dem Studium auch wieder in ihr Heimatdorf zurück kehren. Kommt ihr das Leben in dem kleinen Ort nach einer Woche in der Großstadt Stuttgart nicht sehr klein und beengt vor? „Wenn ich freitags in den Ort reinfahre, dann bemerke ich sofort, wenn sich etwas verändert hat und frage meine Mutter, was da los ist“, sagt sie. Sie habe eben Interesse daran, was in der Dorfgemeinschaft passiere. Denn trotz ihres Studiums in Stuttgart fühlt sie sich als Ballendorferin. „Heimat ist für mich das Gefühl, dazu zu gehören. Heimat ist dort, wo man sich geborgen fühlt.“ Und das kann auch der schlichte Mehrzweckraum im Obergeschoss eines Feuerwehrhauses sein.

Bildergalerie: Landjugend Ballendorf beim Volkstanzen