Pendeln zwischen Heimaten

Italien und Deutschland, Erinnerung und Wirklichkeit, Mitmenschen und Gott – für Pfarrer Don Giuseppe Gilberti ist Heimat vielgestaltig und nicht auf das irdische Leben beschränkt.

Von Lukas Wetzel

Wenn Don Giuseppe Gilberti spricht, sind seine Hände in Bewegung, untermalen das Gesprochene. Seine frohmütige, offenherzige Art steckt an. Der 75-Jährige ist Pfarrer der Italienischen Katholischen Missionen Neu-Ulm und Ulm. „Ich will den Menschen immer etwas Positives geben“, sagt er. Was für ihn Heimat bedeutet? Spontan fällt ihm ein: Sonne und Meer. Dann überlegt der Pfarrer reiflich. Er fühle sich dort heimisch, wo seine Freunde und Bekannten sind, wo er Traditionen und kirchliche Kontakte pflegen und sich mit anderen Kulturen austauschen kann. Italien und Deutschland seien für ihn gleichermaßen Heimat – „weil ich in beiden Ländern die Kontakte habe“. Aber: „Die Erde ist nur ein Teil der Heimat. Die richtige Heimat ist für mich im Himmel.“ Doch bereits im irdischen Leben biete Gott dem Pfarrer Zuflucht. „Wenn es große Probleme gibt, spreche ich mit Gott, bete ich zu Gott, liebe ich Gott. Jesus Christus ist eine große Heimat.“

Der Wendepunkt im Leben

Seinen Weg zu Gott fand Gilberti früh: Er wuchs in einem Dorf in der Lombardei in Norditalien auf, direkt am Fuße der Alpen. Im Alter von vier Jahren ging er in den Bergen verloren. Er war die ganze Nacht verschwunden, alle Dorfbewohner suchten ihn. Man fand ihn am nächsten Tag bei einem kleinen See; Gilberti war weder böse noch traurig. Der Dorfpfarrer sagte damals zu ihm: „Du hast eine besondere Zukunft. Du wirst keine eigene Familie gründen, sondern die kirchliche Gemeinde wird deine Familie sein.“ So kam es auch. Zuerst wurde Gilberti Ministrant und half dem Dorfpfarrer in der Pfarrei. Mit 13 Jahren begann er dann das Priesterstudium, das 13 Jahre dauerte. „Ich habe richtige Freundschaft und Zufriedenheit in der Kirche gefunden, schon als Kind“, sagt Gilberti. Heute ist sein liebstes Bibelzitat:

„Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.“
Psalm 122

Von 82 angehenden Priestern absolvierten laut Gilberti nur 14 das Studium erfolgreich. Fast hätte er es auch nicht geschafft. Schon als Kind war er aufgeweckt, kontaktfreudig und lachte viel. Als er 16 Jahre alt war, beschwerte sich der Rektor des Priesterseminars bei Gilbertis Mutter: Gilberti sei nicht seriös, wolle immer lachen und spielen. Wenn das so bleibe, müsse er das Studium abbrechen. Als die traurige Mutter Gilberti davon erzählte, „war das wie ein Messer im Herz“, erinnert sich der Pfarrer. „Es war der schwarze Punkt in meinem Leben. Von diesem Tag an war ich ganz anders.“ Gilberti lachte, diskutierte und sprach weniger. Er wurde vorsichtiger, überlegter, reifer.

Im August 1968 wurde Gilberti zum Priester geweiht; sein 50-jähriges Jubiläum als Priester will er diesen Sommer zuerst in Italien und dann in Deutschland feiern. „Mein halbes Leben ist in Italien, mein halbes Leben ist in Deutschland“, sagt er. Im Frühjahr 1982 kam er im Alter von 39 Jahren nach Deutschland. Der damalige Bischof von Brescia (Lombardei) hatte ihn darum gebeten. Zuerst war er Missionar in Wolfsburg, im Herbst 1983 wechselte er nach Neu-Ulm. Seit 1993 betreut er auch die italienische katholische Gemeinde in Ulm. Jeden Sonntag predigt der Pfarrer auf Italienisch. Gilberti wechselt jeden Monat zwischen zwei Kirchen: Er hält seine Messen in St. Johann Baptist in Neu-Ulm und in St. Michael zu den Wengen in Ulm. 500 bis 600 Gläubige sind in der Regel vor Ort. Nur im August fällt der Gottesdienst aus, weil Gilberti nach Italien fährt, um Bekannte, Verwandte und andere Pfarreien zu besuchen.

Ursprüngliche Heimat nur noch Erinnerung

Bis heute hat sich Gilberti sein fröhliches Temperament bewahrt. „Das Ziel in meinem Leben ist Freundschaft“, sagt er. Jeden Tag pflege er den persönlichen Kontakt mit Kirchenmitgliedern. Schwierigkeiten bereitet dem traditionsbewussten Priester aber die jüngere Generation: „Ich finde nicht den richtigen Weg, um mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen.“ Durch die Medien von heute habe sich die Geisteshaltung geändert. „Mir fehlt das Verständnis für die neue Gesellschaft.“ Der Pfarrer verwendet sein Handy zum Beispiel nur im Notfall.

Eine Veränderung stellt Gilberti auch in seinem Heimatdorf fest:

„Meine ursprüngliche Heimat gibt es so nicht mehr. Sie lebt nur in der Erinnerung, nicht in der Wirklichkeit.“

Seine Familie lebte auf einem Bauernhof mit sieben weiteren Familien; insgesamt wohnten 35 Leute auf dem Hof. „Heute lebt dort nur noch eine alte Frau für sich alleine.“ Vor dem Priesterstudium hat Gilberti auf dem Feld gearbeitet. Er erinnert sich noch gut an die Arbeit mit seinem Vater, an die Felder, Bäume und Blumen. „Doch heute ist alles mit modernen Maschinen organisiert.“ Früher kannte Gilberti jede Familie im Dorf, ein paar alte Bekannte sind noch heute dort. Es seien aber viele neue, wenig kontaktfreudige Familien zugezogen. „Man sagt sich höchsten ‚Hallo‘. Es ist anonym geworden.“

Manchmal fehlt dem Pfarrer hierzulande etwas die Herzlichkeit. Er habe öfters die Erfahrung gemacht, dass in Deutschland die Arbeit zuerst kommt und danach Familie und Freunde. „In Italien stehen die wichtigen Menschen an erster Stelle“, sagt er. Dafür gefällt ihm in Deutschland die soziale Absicherung besonders gut. Wenn Gilberti in Rente geht, will er zwischen Italien und Deutschland pendeln. „Ich fühle mich in beiden Ländern heimisch.“